Der Baum

Es ist eine Landstraße, die sich vorbeischlängelt, eine Asphaltbahn, auf der Autos durch den Wald die engen Kurven nehmen. Es tut sich eine freie Fläche auf, rechts leicht ansteigend mit Gras, Farnen und Dickicht. Viel altem Holz und einem einzelnen mächtigen Baum.
Für einen Moment nimmt er das Blickfeld ein, zeigt seine Präsenz, seine Äste, seinen Stamm, bevor man wieder vorbeirauscht. Er hinterläßt einen Eindruck, ein Bild im Geiste des Betrachters, ein dem Himmel gegenstrebendes Geschöpf der Natur. Schief steht er da, reich sein Astwerk, im Sommer sein Laub, im Herbst in roten Farben.
Der zum Ziel Strebende fährt vorbei, der Eindruck in den Sinnen verblaßt. Bis zum nächten Mal.
Aber manchmal löst er etwas aus. Manchmal bleibt der Eindruck. Manchmal wird dieser große, mächtige Baum allein stehen und markant wahrgenommen, betrachtet und bewundert.
Seine Form, der Bogen aus Holz und Laub, den er über den Himmel beschreibt, wie ein Wirbel aus Alter und gediegener Stärke.
Er hält seine Stärke, seine Größe, seine Schönheit bereit für jeden, der willens ist hinzusehen. Nicht mit den Augen alleine, sondern auch mit dem Herzen. Jeder der so sieht, muß ihn sehen. Jeder der empfänglich ist für Licht und Formen, für Schatten und Gestalt.
Und auch ich habe ihn so gesehen, diesen einsamen Beseeler einer kargen Fläche. Die langsame Überraschung am Ende der Kurve.
Oft habe ich ihn besucht, bin stehen geblieben und habe ihn angesehen, habe meine Kamera genommen, um das Spiel aus Form und Bedeutung einzufangen, darzustellen und zu deuten.
Im Nebel als dunkler Mahner gegen den grauen Hintergrund, als Kontrast zum Brei der Umgebung. Hervorgehoben durch seine Mächtigkeit.
Im Herbst, wenn die Blätter rot, gelb und braun werden, dann tummelten sich auch um seinen Stamm die tollsten Farben, Gräser und Laub das Nahen des Winters verkündend. Und immer wieder habe ich ihn betrachtet, bin mit der Kamera ausgerückt, um auf ein Bild zu bannen, was ich einfangen konnte.
Ich habe ihn beim Vorbeifahren gegrüßt, wie einen freundlichen Boten, der auf mich wartete, da ich nah dem warmen Heimstatt war.
Und heute, als ich um die Kurve bog, als ich die freie Fläche sah, da wurde es leer, und ich traute dem Bilde nicht. Ich verstand sie nicht, diese Leere, dieser plötzliche Schrei aus meinem Gedächtnis, daß da etwas fehlt. Langsam, wie das sickern von Wasser durch die Erde, so tropfte die Erkenntnis ins Bewußtsein, mein Freund, gefällt.